Bienen suchen eine neue Wohnung

(von Rolf Giesenberg)

Als der Vorsitzende des Herzhorner Imkervereins Lutz Herrmann und ich uns vor einiger Zeit mit dem Herzhorner Bürgermeister Klaus Lange über  Bienen unterhielten, stellte er plötzlich die Frage: „Wie finden schwärmende Bienen eigentlich eine neue Wohnung?“ Antworten auf diese Frage haben die Bienenforscher Karl von Frisch und sein Schüler Martin Lindauer gefunden.

Bienen verfügen nach ihren Untersuchungen über verschiedene Kommunikationsmittel. Dazu zählen Düfte, Gesten, Haltungen, Bewegungen und Tänze. Mit dem Schwänzeltanz teilen die Bienen zum Beispiel ihren Geschwistern mit, in welcher Richtung zur Sonne und in welcher Entfernung wichtige Dinge zu finden sind. Wenn es sich um Nektar handelt, dann reichen die Tänzerinnen zwischen den Tänzen eine Kostprobe.

Beim Schwänzeltanz auf der Wabe läuft die Biene ein kurzes Stück gradlinig und kehrt dann einmal links, einmal rechts zum Ausgangspunkt zurück und wiederholt jedes Mal den Tanz in derselben Richtung. Während sie geradeaus läuft, „schwänzelt“ sie indem sie den Hinterleib hin- und herschwenkt. Der Winkel der Laufrichtung zur Senkrechten gibt die Richtung des Weges zur Futterquelle an, wobei die Senkrechte Richtung nach oben draußen die Richtung zur Sonne bedeutet. Die Genauigkeit der Winkelmitteilung: 1 °. Bei länger andauernden Tänzen berücksichtigen die Bienen mit Hilfe einer „inneren Uhr“ auch den inzwischen veränderten Sonnenstand. Die Anzahl der Schwänzelläufe pro Minute ist ein Maß für die Entfernung zur Futterquelle.

Bevor ein Schwarm auszieht und während er am Baum hängt, sind „Spurbienen“ auf der Suche nach einer neuen Wohnung, die nach Größe, Flugloch und dessen Richtung, Trockenheit, sonstige Bewohner und Schädlingen bewertet wird. Dann kehren sie zum Schwarm zurück und führen einen Schwänzeltanz auf. Die Bewertung der Wohnung wird durch die Tanzdauer und die Aufgeregtheit angegeben. Andere Spurbienen folgen dem Tanz und besuchen und bewerten die betanzte Wohnung ebenfalls. Die erste Tänzerin folgt nach ihrem Tanz anderen Tänzerinnen und besucht deren Wohnungen. Wenn sie wieder heimkehren, tanzen sie für die bessere der beiden Wohnungen. So verhalten sich alle Spurbienen und es entstehen allmählich Gruppen von Tänzerinnen, die für eine besonders gute Wohnung tanzen. Die Anzahl der Gruppen verringert sich im Laufe der Zeit, bis nur noch eine Gruppe übrig bleibt, die die beste Wohnung betanzt, die dann auch alle Spurbienen kennen. Diese Art der Abstimmung kann Stunden, aber auch Tage dauern.

 Wenn die Entscheidung gefallen ist, beginnt der „Schwirrtanz“. Spurbienen tanzen wild auf der Schwarmtraube herum. Die Bienen erwärmen sich durch Muskelzittern auf Flugtemperatur und dann begibt sich der Schwarm mit der Königin in der Mitte in die Luft. Die Bienenwolke kann bis zu 1o Meter im Durchmesser einnehmen. Spurbienen durchfliegen die Wolke in Richtung neue Wohnung, fliegen außen herum zurück und wiederholen ihren Flug. Es gibt auch in der Luft stehende Hubschrauberbienen, die den Weg mit Duftsignalen markieren.

 Professor Karl von Frisch erhielt 1973 den Nobelpreis für seine Arbeiten, die die Entschlüsselung der Bienensprache, den sogenannten Schwänzeltanz, zum Inhalt haben.

 

 

                                     Ein neues Bienenvolk bildet sich

 

 

(von Rolf Giesenberg)

 

 

 

Ich hatte ein sehr kleines Bienenvolk mit einer jungen Königin von einem Imkerfreund geschenkt bekommen. Die Königin legte Eier und das Völkchen flog aus einem normalen Bienenkasten mit einem stark verkleinerten Flugloch, damit wenige Wächterbienen es kontrollieren konnten. Nun wollte ich diesen Kasten mit vielen anderen Bienen auffüllen, doch man muss wissen, dass erwachsene, ältere Bienen aus verschiedenen Völkern Konkurrentinnen sind und sich nicht vertragen. Begegnungen am Flugloch enden meist tödlich.

 Eines meiner großen Völker zeigte gerade Schwarmlust. Es musste einen Teil seiner Jungbienen abgeben. Meist saßen diese oben im Honigraum ihres Kastens und schliefen, wenn nicht gerade Nektar zu verarbeiten war. Diese Bienen können als Reserve eines Volkes bezeichnet werden, die ein Alter von einem halben Jahr erreichen können. Sie überleben z.B. auch den Winter. Die normalen Arbeitsbienen, die auch die Brut pflegen, leben nur wenige Wochen. Um einen Teil dieser Bienen zu entnehmen und vor allem von den Altbienen zu trennen, die das Volk dominieren, fegte ich die Jungbienen mit einer Feder in eine weiße Wäschewanne, Wabe für Wabe. Es gab ein großes Gefliege. Alle Bienen, die schon einmal draußen waren, flogen zum Volk zurück. Draußen war es warm, die Sonne brannte auf die Erde. Dann brachte ich die Wanne mitten auf den sonnigen Rasen. Mehrfach beunruhigte ich die vielen Bienen, damit auch die letzte Altbiene abflog. Vor das kleine Völkchen, das die neue Familie für die vielen Bienenkinder werden sollte, legte ich ein größeres Brett, leicht schräge hoch bis ans Flugloch. Darauf schüttete ich vorsichtig die Bienen aus der Wanne. Schnell breiteten sie sich aus. Eine Vorhut ging langsam das Brett hinauf. Etwa 15 cm vor dem Flugloch blieben sie stehen. Es war sehr still. Die Wärterinnen des kleinen Volkes taten so, als merkten sie nichts. Ihre pollenbeladenen Sammlerinnen flogen ins Flugloch. Sie kümmerten sich nur ums Sammeln. Was nun? Es passierte nichts. Die Kinder schienen einzuschlafen. Ich wartete. Natürlich hatten Wärterinnen und die wartende Menge sehr unterschiedliche Düfte und wie man neuerdings weiß, sehr unterschiedliche elektrische Ladungen und damit verbunden entsprechende Felder.

 So etwas hatten alle beteiligten Bienen noch nicht erlebt. So etwas gab es in der Natur nicht. Wahrscheinlich würden jetzt die Kinder verhungern. Aber der Imker, der diese unnatürliche Situation herbeigeführt hatte, war ja da. Und er trägt die Verantwortung für etwa 6000 Jungbienen! Ich war sicher, dass keine Altbiene des anderen Volkes bei den Jungbienen war. Sie wäre längst aufgeflogen. Es lag eigentlich keine besondere Spannung in der Luft, aber mein Herz klopfte.

 Mit einer weißen Feder schob ich einige der vordersten Bienen das Brett hoch, nahe ans Flugloch. Gelangweilt gingen die Wärter des kleinen Völkchens auf die Jungbienen zu. Diese blieben still sitzen. Die Wärter, stets mit gestreckten Fühlern voran, gingen um die Bienen herum. Keine Hektik. Die Jungbienen spürten den Duft aus dem Flugloch: Eine intakte Familie, Kinderduft, eine gesunde, ich möchte fast sagen „fruchtbare“ Mutter (Biologen sagen „starker Pheromon“-Duft). Dann konnten die 3 Jungbienen nicht mehr widerstehen. Hinter ihnen 6000 Geschwister. Sie streckten den Hinterleib, hoben ihn an, öffneten die Bürzeldrüse und … schalteten ihren Flügelpropeller auf volle Touren. Der Sterzelduft strömte über die Riesenschar der Jungbienen. Augenblicklich hoben die vordersten ihre Hinterleiber, dann die nächsten und so weiter. Ein lautes Rauschen hing über der großen Bienenfläche. Es hielt lange an, dann begann der große Marsch hinauf. Im Nu war das viel zu kleine Flugloch dicht voller Bienen, dann die Kastenwand und als große Traube hing die Bienenmasse vorne über dem Flugloch. Das Rauschen hielt an, bis die letzte Biene oben war.

 Die Flugbienen mit dicken gelben Pollenhöschen irrten auf der Traube umher. Wo ist denn unser Flugloch? Wärterinnen waren nicht mehr zu erkennen, sie hatten längst jede Kontrolle verloren. Der Imker weiß, dies ist seine schwierigste Stunde. Das Volk ist leicht angreifbar, niemand außer dem Imker kann es jetzt schützen. In Zeiten ohne Tracht sind stets Bienen auf der Suche nach Futter, auch bei schlecht bewachten Völkern. Aber der Imker erkennt sie meist am Anfliegen und kann sie mit der Feder abwehren. Aber nicht immer. Zum Glück sind die meisten Völker gerade auf dem duftenden Klee.

 Ja, nach einer Stunde waren alle Bienen im Kasten, das Brett kann weg, das Flugloch hat wieder seine jetzt aber etwa 5 Wächter und 2 Fächlerinnen, denn es ist warm geworden im Stock. Er ist voll junger Bienen. Es wird ein starkes Wintervolk. Vor dem Kasten liegt keine einzige tote Biene! Es ist Abend geworden, es fällt mir schwer, einzuschlafen.

 

 

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